Es ist vier Uhr morgens im Berliner Club Oxy. Die Luft ist schwer vom Schweiß und dem süßlichen Geruch von Energydrinks. Plötzlich setzt ein Synthesizer-Riff ein, begleitet von einer Stimme, die auf Italienisch etwas von „Amore” und „Notte Magica” singt. Die Menge tobt. Für einen Moment fühlt es sich an, als stünde man nicht in einem Keller in Neukölln, sondern an einem Strand in Rimini – im Jahr 1985.
Was hier passiert, ist mehr als nur ein Musiktrend. Italo Disco, ein Genre, das in Italien selbst lange als „cheesy” galt, erlebt in Berlin ein fulminantes Comeback. Doch warum ausgerechnet hier? Und warum jetzt? Die Antwort darauf führt uns durch die Gassen italienischer Kleinstädte, die Hinterzimmer Berliner Clubs und die Köpfe einer Generation, die nach etwas sucht, das sie selbst nie erlebt hat – aber trotzdem vermisst.
Ein Genre, das niemand wollte – bis alle es liebten
Italo Disco ist ein Kind der Not. In den 1980er Jahren konnten sich italienische Produzent*innen keine teuren Studiobands leisten, wie sie in den USA üblich waren. Also griffen sie zu Synthesizern und Drumcomputern – und schufen damit einen Sound, der so künstlich klang, wie er günstig war. „Italo Disco war die Antwort Italiens auf die US-Disco-Welle”, erklärt Fabrizio von Slow Motion Records im ARTE-Interview. „Wir hatten nicht die Mittel für große Orchester, also machten wir Musik mit dem, was da war: billigen Keyboards und viel Fantasie.”
Der Begriff „Italo Disco” selbst wurde übrigens nicht in Italien geprägt, sondern in Deutschland. 1983 veröffentlichte das Label 6 Records eine Compilation mit dem Titel – und gab dem Genre damit einen Namen, der bis heute haftet. In Italien selbst wurde die Musik lange belächelt. Zu kitschig, zu billig, zu sehr „Made in Italy” in einer Zeit, in der das Land nach internationaler Anerkennung strebte.
Doch genau diese vermeintlichen Makel wurden im Ausland zu Stärken. Italo Disco klang exotisch, futuristisch und gleichzeitig vertraut – wie eine Mischung aus Science-Fiction und Strandurlaub. Künstler wie Pet Shop Boys, Kylie Minogue oder Modern Talking ließen sich von dem Sound inspirieren. Und während Italien sein eigenes kulturelles Erbe lange ignorierte, feierten Clubs in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien das Genre als Geheimtipp.
Berlin, die neue Hauptstadt des Italo Disco
Warum Berlin? Die Stadt war schon immer ein Magnet für alles, was irgendwo sonst als „zu weird” galt. Doch im Fall von Italo Disco kommt noch etwas anderes hinzu: Berlin ist ein Schmelztiegel der Migration. Vor allem Italiener*innen haben hier seit den 1960er Jahren eine Heimat gefunden – und mit ihnen ihre Musik.
„Berlin ist heute das Epizentrum des Italo-Disco-Revivals”, sagt Matthias Modica vom Label Teutonics. „Hier gibt es eine einzigartige Mischung aus Nostalgie, Experimentierfreude und dem Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen.” Clubs wie das Berghain, der Oxy oder die Panorama Bar haben Italo Disco in ihre Programmvielfalt aufgenommen – nicht als Nischen-Event, sondern als festen Bestandteil der Clubkultur.
Doch hinter dem Revival steckt mehr als nur musikalische Vorliebe. Für viele Italiener*innen in Berlin ist Italo Disco eine Brücke zwischen Herkunft und Gegenwart. Raffaela Arcella, DJ und Gründerin des Projekts Mani Huda Mani, beschreibt es so: „In Neapel war Clubkultur immer etwas für die Nacht. In Berlin geht es um den ganzen Tag. Das ist eine ganz andere Energie – offener, länger, intensiver.” Für sie ist Italo Disco nicht nur Musik, sondern ein Werkzeug, um sich in einer fremden Stadt zu verorten.
Dolce Vita 2.0: Warum junge Deutsche von italienischer Leichtigkeit träumen
Doch Italo Disco ist nicht nur ein Phänomen der italienischen Diaspora. Die meisten Menschen, die heute in Berliner Clubs zu den Klängen von „Spacer Woman” oder „I Like Chopin” tanzen, sind keine Italiener*innen. Sie sind Deutsche, die in den 1990er oder 2000er Jahren geboren wurden – und die eine Zeit vermissen, die sie selbst nie erlebt haben.
„Italo Disco passt perfekt in unsere Zeit”, meint Matthias Modica. „Es vereint Nostalgie mit einer futuristischen Ästhetik. Es klingt nach Urlaub, nach Freiheit, nach einer Welt, in der alles ein bisschen einfacher war.” Diese Sehnsucht nach „la Dolce Vita” ist kein Zufall. In einer Ära, die von Klimakrise, politischen Umbrüchen und sozialer Unsicherheit geprägt ist, wirkt die Ästhetik der 1980er – mit ihren grellen Farben, den synthetischen Klängen und dem Versprechen von grenzenloser Freiheit – wie ein Gegenentwurf.
Doch diese Romantisierung hat auch ihre Schattenseiten. „Ich nehme diese Idealisierung von Italien natürlich wahr”, sagt Modica. „Aber ich kann eh nicht viel dagegen tun, also sage ich: Embrace it.” Die Frage ist: Wessen Italien wird hier eigentlich gefeiert? Das der Strandbars und Sonnenuntergänge – oder das der prekären Arbeitsverhältnisse, der politischen Instabilität und der strukturellen Benachteiligung von Frauen?
Frauen, Queers und die unsichtbaren Macher*innen der Szene
Italo Disco war in den 1980ern ein männlich dominiertes Genre. Die meisten Produzenten, DJs und Labelbetreiber waren Männer – und die wenigen Frauen, die es in die Szene schafften, wurden oft auf ihre Rolle als Sängerinnen reduziert. „Eine Frau in diesem Geschäft zu sein, ist immer noch ein Stück weit Work in Progress”, sagt Raffaela Arcella. „Auch wenn es besser geworden ist, sind wir noch lange nicht in einem idealen Zustand.”
Doch langsam tut sich etwas. Immer mehr Clubs in Berlin setzen auf Quotenregelungen für Line-Ups. „Die Clubs bestehen mittlerweile auf eine bestimmte Anzahl an Slots, die an Frauen vergeben werden müssen”, erzählt eine Szene-Akteurin im ARTE-Interview. „Das hat Künstler*innen motiviert zu spielen, die sonst keinen Platz gefunden hätten.”
Doch die „Sprezzatura”, die italienische Kunst, Anstrengung unsichtbar zu machen, hat auch ihre Tücken. „Italo Disco wirkt oft leicht, fast schon oberflächlich”, sagt Fabrizio. „Aber hinter jedem Track stecken Stunden an Arbeit, an Feinjustierung, an dem Versuch, etwas Perfektes zu schaffen – ohne dass es danach aussieht.” Für Frauen und queere Künstler*innen bedeutet das oft: doppelt so hart arbeiten, um halb so viel Anerkennung zu bekommen.
Zwischen Heimatgefühl und kultureller Aneignung
Für viele Italiener*innen in Berlin ist Italo Disco mehr als nur Musik. Es ist ein Stück Heimat, das sie mitnehmen konnten – und das ihnen hilft, sich in einer fremden Stadt zu verorten. „Für mich ist Italo Disco eine Möglichkeit, mich zwischen zwei Kulturen zu bewegen”, sagt Raffaela Arcella. „Es ist ein Sound, der in Italien oft belächelt wird, aber hier in Berlin eine ganz neue Bedeutung bekommt.”
Doch diese neue Bedeutung wirft auch Fragen auf. Fühlen sich Italiener*innen durch das Revival repräsentiert – oder vereinnahmt? „Es ist kompliziert”, sagt ein Szene-Akteur. „Einerseits freut es mich, dass unsere Musik endlich die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Andererseits frage ich mich manchmal: Wem gehört Italo Disco eigentlich? Den Italiener*innen, die ihn erfunden haben? Oder den Deutschen, die ihn heute feiern?”
Die Antwort liegt vielleicht genau in dieser Ambivalenz. Italo Disco war von Anfang an ein hybrides Genre – eine Mischung aus italienischer Tradition und internationalem Einfluss. Dass es heute in Berlin eine zweite Blüte erlebt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Migration, kultureller Vermischung und dem Wunsch, in einer globalisierten Welt einen Ort zu finden, an dem man dazugehört.
Mehr als nur Musik
Italo Disco ist ein soziales Experiment. Es zeigt, wie Musik Grenzen überschreiten kann – zwischen Ländern, zwischen Generationen, zwischen Identitäten. Es erzählt Geschichten von Menschen, die sich weigern, unsichtbar zu bleiben. Und es erinnert uns daran, dass Kultur immer dann am lebendigsten ist, wenn sie nicht in Schubladen passt.
Vielleicht ist das der Grund, warum Italo Disco gerade jetzt so viele Menschen berührt. In einer Zeit, in der die Welt immer komplexer und unübersichtlicher wird, bietet das Genre etwas Einfaches: einen Soundtrack für die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Leichtigkeit, nach einem Ort, an dem man dazugehört.
Und wenn du das nächste Mal in einem Berliner Club stehst und ein Italo-Disco-Track läuft, denk daran: Hinter jedem Synthesizer-Riff steckt eine Geschichte. Eine Geschichte von Migration, von Nostalgie, von dem Wunsch, gehört zu werden – und von der Magie, die entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, um etwas zu schaffen, das größer ist als sie selbst.
Basiert auf der ARTE Tracks Dokumentation „Disco, Dance und Dolce Vita: In Berlin lebt Italo Disco”. Zum Video →