“Ich dachte, ich bleibe drei Monate – jetzt bin ich seit fünf Jahren dabei”
Elena steht um fünf Uhr morgens auf. Während die meisten noch schlafen, zieht sie ihre Gummistiefel an, greift nach dem Erntekorb und macht sich auf den Weg zu den Erdbeerfeldern. Die 28-Jährige kommt aus Rumänien, arbeitet seit fünf Sommern bei Karls Erlebnis-Dörfern – und ist eine von 4.000 Saisonkräften, die das Unternehmen jedes Jahr beschäftigt. “Am Anfang dachte ich, ich bleibe nur drei Monate”, erzählt sie lachend. “Aber hier fühlt es sich an wie eine große Familie. Und die Arbeit macht Spaß.”
Elenas Geschichte ist kein Einzelfall. Während viele Unternehmen in ländlichen Regionen über Fachkräftemangel klagen, schafft Karls seit Jahren tausende Jobs – und das in einer Branche, die eigentlich als saisonal und unsicher gilt. Wie gelingt das? Und was können andere Unternehmen daraus lernen?
Das Personalwunder: Wie schafft Karls 4.000 Jobs in der Saison?
9,5 Millionen Besucher, sieben Standorte, 200 Millionen Euro Umsatz – die Zahlen von Karls Erlebnis-Dörfern sind beeindruckend. Doch noch beeindruckender ist die Personalstatistik: In der Hochsaison arbeiten hier bis zu 4.000 Menschen. Zum Vergleich: Das ist mehr als die Belegschaft des Universitätsklinikums Rostock oder die Hälfte aller Beschäftigten der Meyer Werft in Papenburg.
Doch wie rekrutiert ein Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern, einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und gleichzeitig akutem Fachkräftemangel, so viele Mitarbeiter? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Tradition, Innovation und einer Portion Unkonventionalität.
Die PEP-App: Dienstplanung per Klick
“Früher haben wir Dienstpläne per Zettel gemacht – heute läuft alles digital”, erklärt Ulrike Dahl, Roberts Schwester und zuständig für das Personalmanagement. Die “PEP-App” (Personal-Einsatz-Planung) ist dabei das Herzstück. Mitarbeiter können ihre Schichten selbst eintragen, tauschen oder kurzfristig übernehmen. “Wenn jemand krank wird, schicken wir eine Push-Nachricht an alle verfügbaren Kräfte. Innerhalb von Minuten ist die Lücke gefüllt”, sagt Ulrike Dahl.
Das System funktioniert, weil es Flexibilität belohnt. Wer kurzfristig einspringt, bekommt Bonuspunkte – und kann sich später bevorzugt Schichten aussuchen. “Das ist wie ein internes Tauschbörsen-System”, erklärt ein Mitarbeiter aus dem Servicebereich. “Ich kann mir meine Arbeitszeiten so legen, wie es zu meinem Leben passt.”
Jobtage mit Sofort-Einstellung
Doch nicht nur digitale Tools machen Karls attraktiv. Das Unternehmen setzt auch auf klassische – aber effektive – Rekrutierungsmethoden. Bei “Jobtagen” können sich Interessierte vor Ort bewerben und erhalten oft noch am selben Tag einen Arbeitsvertrag. “Wir haben noch nie Personalprobleme gehabt”, sagt Robert Dahl im OMR-Podcast. “Ulrike ist eine Zauberkünstlerin.”
Die Zahlen geben ihm recht: Während andere Branchen über Fachkräftemangel klagen, verzeichnet Karls eine stabile Personaldecke – und das, obwohl viele Jobs saisonal sind. Der Schlüssel? Eine Kombination aus guter Bezahlung (der Mindestlohn wird übertroffen), flexiblen Arbeitszeiten und einem Arbeitsumfeld, das Mitarbeiter wertschätzt.
Von Erntehelfer bis Projektmanager: Wer arbeitet bei Karls – und warum?
Karls ist ein Mikrokosmos der modernen Arbeitswelt. Hier arbeiten Erntehelfer aus Rumänien neben Projektmanagern aus Berlin, Verkäufer aus der Region neben IT-Spezialisten aus Indien. Die Belegschaft spricht 46 Sprachen – und doch fühlt es sich für viele wie eine große Familie an.
Elena, die Erntehelferin
Elena kam 2019 zum ersten Mal nach Deutschland. “Ich hatte gehört, dass man hier gut Geld verdienen kann – und dass die Unterkünfte in Ordnung sind”, erzählt sie. Heute lebt sie während der Saison in einem der Karls-Hostels, arbeitet auf den Feldern und hilft manchmal auch im Hofladen aus. “Das Schönste ist, dass ich hier Freundschaften geschlossen habe. Viele kommen jedes Jahr wieder, und wir freuen uns immer, uns zu sehen.”
Die Unterkünfte sind ein wichtiger Faktor. Karls betreibt Hostels mit insgesamt 1.460 Betten – inklusive Supermarkt, Krankenstation und Gemeinschaftsräumen. “Das ist mehr als nur ein Job”, sagt Elena. “Hier fühlt man sich aufgehoben.”
Markus, der Projektmanager
Markus hat einen anderen Hintergrund. Der 34-Jährige kam vor drei Jahren aus Berlin, um den Bau des Bibi-und-Tina-Parks in Wernigerode zu leiten. “Ich hatte vorher in der Eventbranche gearbeitet, aber so ein Projekt ist schon etwas Besonderes”, erzählt er. “Hier geht es nicht nur um Zahlen, sondern darum, etwas zu schaffen, das Menschen glücklich macht.”
Markus schätzt die flachen Hierarchien bei Karls. “Man kann direkt mit Robert oder Ulrike sprechen – das gibt es in Großkonzernen nicht.” Gleichzeitig ist der Druck hoch. “Wenn etwas schiefgeht, merken das sofort tausende Besucher. Da muss man schnell handeln können.”
Sabine, die Erdbeerverkäuferin
Sabine arbeitet seit 20 Jahren in einem der Karls-Erdbeerstände. “Ich habe angefangen, als der erste Hof in Rövershagen eröffnet hat”, erzählt sie. “Damals war das noch ein kleiner Familienbetrieb – heute ist es ein Imperium.” Für Sabine ist Karls mehr als nur ein Arbeitgeber. “Hier kennt jeder jeden. Und die Gäste kommen oft seit Jahren – manche bringen sogar ihre Kinder mit, die früher selbst Erdbeeren bei uns gepflückt haben.”
Integration im ländlichen Raum: Wie bringt Karls 46 Nationen zusammen?
Ein Unternehmen mit Mitarbeitern aus 46 Nationen – das klingt nach einer Herausforderung. Doch Karls hat ein System entwickelt, das Integration nicht als Problem, sondern als Chance begreift.
Sprachkurse und gemeinsame Aktivitäten
“Am Anfang war die Sprachbarriere das größte Hindernis”, erzählt Elena. “Aber Karls bietet kostenlose Deutschkurse an – und die Kollegen helfen sich gegenseitig.” Dazu kommen gemeinsame Aktivitäten wie Grillfeste, Sportturniere oder Ausflüge. “Das schafft Vertrauen und Zusammenhalt”, sagt ein Teamleiter.
Die Krankenstation: Mehr als nur ein Notfallzentrum
Ein besonderes Angebot ist die Krankenstation in den Hostels. “Hier können sich Mitarbeiter bei kleinen Verletzungen oder Erkältungen behandeln lassen – ohne lange Wartezeiten”, erklärt eine Krankenschwester. “Das ist vor allem für die Erntehelfer wichtig, die oft weit weg von der nächsten Arztpraxis wohnen.”
Wie reagiert die lokale Bevölkerung?
Doch nicht alle sind begeistert. In einigen Standorten gibt es Kritik an Lärm, Verkehr oder steigenden Mieten. “Manche Anwohner fühlen sich durch den Touristenandrang überfordert”, sagt ein Bürgermeister einer Karls-Kommune. “Aber die meisten sehen die Vorteile: mehr Jobs, mehr Steuereinnahmen, mehr Leben in der Region.”
Flexibilität als Erfolgsfaktor: Warum digitale Tools den Unterschied machen
Die PEP-App ist nur ein Beispiel dafür, wie Karls digitale Tools einsetzt, um Personalengpässe zu vermeiden. Doch das Unternehmen geht noch weiter.
Sofort-Einstellungen per Push-Nachricht
“Wenn jemand kurzfristig ausfällt, schicken wir eine Nachricht an alle verfügbaren Mitarbeiter”, erklärt Ulrike Dahl. “Wer Zeit hat, kann sich melden – und bekommt die Schicht.” Das System funktioniert, weil es auf Freiwilligkeit setzt. “Niemand wird gezwungen, einzuspringen. Aber viele tun es, weil sie sich gegenseitig unterstützen wollen.”
Vergleich mit anderen Branchen
Während viele Unternehmen noch mit starren Dienstplänen arbeiten, setzt Karls auf Agilität. “In der Gastronomie oder im Einzelhandel ist das noch nicht üblich”, sagt ein Arbeitsmarktexperte. “Aber Karls zeigt, dass es funktioniert – und dass Mitarbeiter solche Modelle schätzen.”
Regionale Wertschöpfung: Was bringt Karls den Kommunen?
Karls ist nicht nur ein Arbeitgeber, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Standorte bringen Tourismus, Steuereinnahmen und Infrastrukturverbesserungen in strukturschwache Regionen.
Beispiel Wernigerode: Vom Schlafstädtchen zur Tourismushochburg
Wernigerode im Harz war lange eine verschlafene Kleinstadt. Seit der Eröffnung des Karls-Standorts 2021 hat sich das geändert. “Wir haben plötzlich tausende Besucher pro Tag”, erzählt der Bürgermeister. “Das bringt Leben in die Stadt – und Geld in die Kassen.”
Doch es gibt auch Kritik. Einige Anwohner klagen über Verkehr, Lärm und steigende Mieten. “Nicht alle profitieren gleich”, sagt eine Anwohnerin. “Für manche wird das Leben teurer, ohne dass sie selbst etwas davon haben.”
Flächenverbrauch und Gentrifizierung
Ein weiteres Thema ist der Flächenverbrauch. Karls betreibt 350 Hektar Erdbeeranbau – ein Großteil davon in geschütztem Anbau. “Das ist effizient, aber nicht unumstritten”, sagt ein Agrarwissenschaftler. “Großbetriebe wie Karls verändern die Landschaft – und das hat Auswirkungen auf die Artenvielfalt.”
Fazit: Ein Modell für Deutschland?
Karls Erlebnis-Dörfer sind mehr als nur ein Freizeitpark. Sie sind ein soziales Experiment – eines, das zeigt, wie man in strukturschwachen Regionen Jobs schafft, internationale Teams integriert und dabei noch Geld verdient.
Doch das Modell ist nicht ohne Herausforderungen. Die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft sind hart, die Integration internationaler Teams braucht Zeit, und nicht alle Anwohner profitieren gleichermaßen.
Trotzdem lohnt sich ein Blick auf Karls – denn das Unternehmen zeigt, dass es auch anders geht. Dass Flexibilität, Wertschätzung und digitale Tools den Unterschied machen können. Und dass ländliche Regionen mehr sind als nur “abgehängt”.
Die Frage ist: Warum machen das nicht mehr?